Aufbrechen

Blog 2, 17. 10. 2016

Gestern ging es los. Nach fünf wunderschönen, aber auch sehr anstrengenden Monaten in meinem Heimatdorf Ebni stellte ich mich vor meinem Elternhaus an die Straße und hielt meinen Daumen in die Luft. Ein Paar kurze Autofahrten später kam ich in Stuttgart an. Von dort startete ich heute Morgen meine zwei monatige Reise durch Europa und in die USA. Endlich wieder meinen Rucksack auf dem Rücken haben. Ich habe diese Freiheit so vermisst! Wie gut es sich anfühlte aufzubrechen und in Stuttgart durch den Bahnhof zu gehen. Es war zehn vor acht und die Massen hetzten zur Arbeit, in ihrem üblichen Alltagstrott, mit einem Kaffee to go in der Hand und schon Montagmorgen den nächsten Freitag im Kopf. Ich war irgendwo dazwischen, mein MP3-Player spielte einen Rolling Stones Song und das Lächeln auf meinem Gesicht könnte nicht größer sein. Zu ihnen gehöre ich zumindest erst mal nicht mehr. Das Schöne an jedem Aufbruch ist die Ungewissheit. Egal, wie oft du schon weg warst, der erste Tag einer Reise ist doch immer etwas Besonderes. Du weißt nicht wen du treffen wirst, was erleben und vor allen Dingen wie die Reise dich verändern wird.

Ich schreibe diese Zeilen im Zug nach Bayern. Dort werde ich eine Woche in Anenja Vihara, einem sehr kleinen Teravada-buddhistischem Kloster meditieren. Das bedeutet um 4 Uhr morgens aufstehen, nur eine (richtige) Mahlzeit am Tag zu sich nehmen, auf Zerstreuung (Musik, Literatur, Internet, etc.) verzichten, sowie natürlich sich in sexueller Enthaltsamkeit üben. Dafür werde Stunde um Stunde, mit ineinander verkreutzten Beinen auf einem Kissen sitzen und den Wahnsinn in meinem Kopf beobachten. Viele Menschen denken Meditation sei Entspannung, das stimmt nicht ganz, sie ist viel mehr entspannend. Nicht währenddessen. Wenn du einige Tage intensiv übst, bricht normalerweise irgendwann der Krieg in deinem Kopf los. Du wirst unruhig, wärst zu gerne in der Bar im nächsten Dorf mit einem Bier in der Hand. Dann fangen vom vielen still sitzen deine Knie und dein Rücken an zu schmerzen. Du bist irgendwie genervt von dir selbst, hast eine merkwürdige Wut gegen die Nonnen, die dir so stoisch und unbewegt, wie sie vor dir sitzen deine Unzulänglichkeiten immer wieder vor Augen führen. Während alledem beobachtest du nur. Versuchst Gedanke um Gedanke ziehen zu lassen und stattdessen deinen Atem bewusst zu wahrzunehmen. Das klappt natürlich nicht immer, es ist einfach so faszinierend viel Müll in meinem Kopf. Ich hatte tatsächlich mal während eines zehn tägigen Vipassana-Schweige-Retreats einen Ohrwurm von dem deutschen Kinderlied „der Kuckuck und der Esel“ und bin deswegen fast wahnsinnig geworden.

Warum zur Hölle tut man sich dann sowas an, werdet ihr euch vielleicht fragen – weil es sich lohnt, ganz einfach. Auch wenn man tagelang durch die Hölle geht, irgendwann schleicht sich ein Lächeln auf deine Lippen, das du so schnell nicht mehr los wirst. Du wirst ein bisschen ruhiger und nimmst dich selbst, mitsamt deinen ganzen Gedanken nicht mehr zu ernst. Du bemerkst wie du nach und nach mehr Energie hast. Du bist ganz einfach irgendwie glücklicher. Deswegen ist es entspannend, aber keine Entspannung. Der Weg ist hart, aber für das Ziel lohnt es sich.

Ich liebe es meine Reisen von einem Kloster aus zu beginnen. Trampen ist sehr viel spaßiger, wenn du dir nicht ständig Sorgen darüber machst, ob und wann du an deinem Ziel ankommst. Meditation hilft mir persönlich mich einfach mich ein bisschen fallen zu lassen um zu schauen, was das Leben dieses Mal für mich breit hält. Und genau dafür ist diese Reise da.

Nach einer Woche Allgäu, gehe ich nach Österreich, in die Schweiz, weiter nach Frankreich, hoch nach Belgien und Holland, von dort über Norddeutschland nach Dänemark, wo in genau einem Monat mein Flug nach New Orleans geht, dort werde ich eine Woche workaway machen bevor ich in Florida einen Freund zu seinem Geburtstag überrasche. Nach 3 Wochen USA geht es dann wieder zurück nach Kopenhagen, sodass ich noch genug Zeit habe über Berlin und Leipzig zurück nach Hause zu trampen um Weihnachten mit meiner verrückten und geliebten Familie zu verbringen.

Ich kann euch gar nicht sagen, wie sehr ich mich darauf freue =)


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