Der schönste Hügel Frankreichs

Taize, 31.10.2016

Nachdem ich an zwei Tagen knapp 800 Kilometer  von Bern nach Taizé getrampt bin, kam ich am Samstag kurz vor dem Abendessen hier an. Auch wenn bei der Reise alles gut ging und ich tolle Menschen kennengelernt sowie wunderschöne Landschaften gesehen habe, war es sehr anstrengend. Deswegen bin ich nun froh, dass ich eine ganze Woche hier bleiben werde. Außerdem ist Taizé einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste, spirituelle Ort in meinem Leben.

Als ich 15 war besuchte ich zum ersten Mal dieses Kloster zusammen mit meiner Religionsklasse der Realschule. Hier lernte ich, dass man nichts verlieren kann wenn man glaubt. Ich hatte sehr viele Zweifel an der Existenz Gottes und sprach mit meiner Religionslehrerin darüber: „Aber was ist, wenn ich jetzt mein ganzes Leben lang voll arg an Gott glaube, mich an die zehn Gebote halte und so. Und dann wenn ich sterbe finde ich raus, dass es den gar nicht gibt. Dann hätt ich ja mein ganzes Leben verschwendet.“ Als Antwort stellte sie eine Gegenfrage: „Denk mal nach. Hättest du es wirklich verschwendet?“ Dieses Gespräch prägt mich bis heute. Ich habe erkannt, dass man nichts verlieren kann, wenn man glaubt. Die Hoffnung, das Vertrauen und die Sicherheit, die uns unser Glaube (an was auch immer) gibt, kann uns unser ganzes Leben lang leiten, wenn wir das zulassen… Immer wieder kam ich zurück auf diesen Hügel und nahm an den ökomenischen Jugendtreffen teil, die hier jede Woche stattfinden. Nach meiner Ausbildung verbrachte ich sogar einen ganzen Sommer hier um zu helfen und im Jahr darauf startete ich meinen Jakobsweg von hier.

Es ist schwer zu erklären was diesen Ort so besonders macht, dass Jahr für Jahr mehre zehntausende Jugendliche und Erwachsene aus der ganzen Welt hier her pilgern. Es sind nicht die beeindruckenden sakralen Bauten oder der Luxus in dem man lebt. – Die Kirche erinnert eher an eine Turnhalle mit Kreuz. Das Essen wird in einer Großküche von Freiwilligen gekocht (so schmeckt es auch). Spätestens nach Tag drei tut einem der Hintern weh, weil man entweder auf dem Boden oder auf harten Holzbänken sitzt. Die Unterkünfte sind sehr zweckgemäß. Man schläft auf einer dünnen Matratze im Stockbett mit 5 anderen im Zimmer. Das Leben hier ist also sehr sehr einfach. Aber ich denke, dass man gerade in dieser Einfachheit Gott am nächsten kommt. In den großen Kathedralen, vor den mit Gold und Schmuck besetzen Altären, konnte ich nie so gut beten wie hier, im Schneidersitz auf dem Boden vor einem einfachen eisernen Kreuz. Wahrscheinlich bin ich nicht die Einzige, der es so geht. Hier kann man erkennen was man wirklich braucht um glücklich zu sein. Ein Bett, Mahlzeiten, die satt machen, Kontakt zu anderen Menschen sowie zu etwas Höherem. Genau das bekommt man hier. Unterkunft und Verpflegung in aller Einfachheit und eine Gemeinschaft von Menschen, die vielseitiger nicht sein könnte. Ich habe hier schon Menschen aus allen Kontinenten (außer der Antarktis) kennengelernt, mit Glauben in allen Ausprägungen. Von der lateinamerikanischen Katholikin, die jedes Wort der Bibel glaubt, bis zum neuseeländischen Zweifler, der nicht so recht glauben kann, dass es wirklich eine höhere Macht gibt. Eines haben jedoch alle gemeinsam. Sie akzeptieren sich gegenseitig und lernen voneinander. Hier in Taizé, so kommt es mir vor, wird das Christentum so gelebt wie es gemeint war. Man tauscht sich voller Respekt aus und hat Freude am Glauben. Die drei Gebete (morgens,mittags und abends) geben dem Tag nicht nur eine besondere Struktur, sondern man hat die Gelegenheit immer wieder inne zu halten und zu reflektieren. Die Lieder, die dabei Gesungen werden, sowie die Stille wirken wie Balsam auf die Seele. Aber egal wie viele Worte ich darauf verschwende diesen Ort zu beschreiben ,so werden sie doch nie seiner Schönheit gerecht, die man nur begreifen kann wenn man ihn selbst erlebt hat.

Auch wenn ich mich eigentlich auf die Begegnungen hier gefreut hatte, habe ich mich entschieden meine Woche hier in Stille zu verbringen. Das bedeutet, ich werde bis ich am Samstag abreise nicht sprechen, um mich ganz auf meine Beziehung zu Gott (der allumfassenden Liebe, dem Universum etc.) einzulassen und zu lernen Ihm/Ihr/Es zuzuhören

dsc_0528

„Behüte mich Gott. Ich vertraue dir. Du zeigst mir den Weg zum Leben. Bei dir ist Freude – Freude in Fülle.“ Taizé Song


2 Gedanken zu “Der schönste Hügel Frankreichs

  1. Liebe Lea,

    dank meiner Mutter (die mir ein Foto von deiner lieben Postkarte geschickt hab), bin ich auf deinen Blog hier gestoßen. Seit Kurzem blogge ich auch 🙂 Vielleicht magst du mal vorbeischauen: http://www.glaubenswegblog.wordpress.com
    Was es Neues in meinem Leben gibt, ob ich gesund und munter bin…das würd ich dir am liebsten bei einem Cup Taizé-Tea erzählen, aber da das nicht geht, eher per Mail.
    Alles Liebe und ich wünsch dir viel Freude, Ruhe und neue Erkenntnisse in Taizé ❤

    "Gott, lass meine Gedanken sich sammeln zu dir. Bei dir ist das Licht, du vergisst mich nicht. Bei dir ist die Hilfe, bei dir ist die Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich"

    Simone

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s