Stille

Meine fünf Tage in Stille und somit auch meine Zeit in Taizé ist jetzt vorbei. So sehr ich mich auch auf die weitere Reise freue, tut es trotzdem immer wieder aufs Neue weh diesen Ort zu verlassen. Die Welt scheint von hier aus so in Ordnung zu sein, wie an keinem anderen Platz den ich kenne.

Allerdings unterscheidet sich das Leben in der Stille sehr von was man sonnst in Taizé als Teilnehmer der Jugendtreffen erlebt. Natürlich nimmt man mit allen anderen an den drei täglichen Gebeten teil, aber dazwischen sucht man nicht die Gemeinschaft, sondern die Ruhe. Jedes mal aufs neue eine wunderschöne und sehr tiefe Erfahrung. Die Schwester, die mich und die anderen Mädchen durch die letzten Tage geführt hat, sagte am Anfang es gehe darum zuzuhören. Nicht nur uns selbst sondern auch Gott und unserer Umwelt. Es stimmt, dass wenn du nicht ständig selbst den Mund offen du besser Dinge wahrnehmen kannst, die dir sonst verborgen bleiben. So nahm ich zum ersten mal wahr, dass im Herbst die Blätter nicht geräuschlos von den Bäumen fallen. Mit dem Schweigen wendet man sich von sehr vielen Dingen ab die uns sonnst sehr bedeutsam erscheinen. Das hilft uns klar zu sehen was wirklich wichtig ist. Für mich war das diese Woche meine Beziehung zu Gott wieder aufzubauen.

Als ich vor drei Jahren todestraurig im Bus nach Hause saß nachdem ich für einige Monate hier gelebt hatte, dachte ich, dass mein Glaube in dieser Zeit unerschütterlich geworden war. Mein Vertrauen in Gott schien so unglaublich groß. Als ich jedoch letzten Samstag hier ankam und mein Notizbuch aufschlug konnte ich das Wort Gott ehrlicherweise nicht ohne Anführungszeichen schreiben und ein Gebet zu sprechen ohne innerlich über mich zu lachen schien unmöglich. Was war passiert? Wo war dieses feste Vertrauen, dieser große Glaube, der mich damals erfüllt hatte?

Witzigerweise ist es wohl so, dass mich die Beschäftigung mit Religion und Glaube auf einer intellektuellen Ebene mich Gott nicht näher gebracht hat, sondern vielmehr von ihm entfernt. Es war nicht so, dass ich in meinen ersten Tagen hier an gar nichts glauben konnte. Allerdings hatte sich meine Vorstellung von Gott so weit von der christlichen entfernt, dass schon die Anrede „lieber Gott“ nicht über meine Lippen kommen wollte. Und das sind schließlich die Worte, mit denen ich seit meiner Kindheit jedes Gebet beginne. Also ging ich in die Stille und verbrachte die ersten Tage im Schweigen damit meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ich saß vor dem Kreuz, betrachtete Jesus und trotz all dieser Zweifel, obwohl mein Verstand mich dafür auslachte, war da etwas. Der, der in christlichen Kreisen als Sohn Gottes gilt, lies mich nicht kalt. Ganz im Gegenteil. Es gab einen Moment in dem ich auf einmal breit Lächeln musste und mir gleichzeitig Tränen über die Wangen liefen. So ist Mir klar geworden: Ich bin Christin nicht wegen meines Verstandes, sondern wegen meines Herzens. Egal, wie unlogisch mir dieses ganze Glaubenssystem immer noch erscheint, ich weiß, dass ich auf Gott vertrauen kann. Und das berührt mein Herz. Während mein Verstand wohl buddhistisch ist. Die Lehren Buddhas erscheinen mir alle logisch und nachvollziehbar, wenn sie mich auch auf einer emotionalen Ebene kalt lassen. Ob Jesus wirklich der Sohn Gottes war, der für meine Sünden gestorben und am dritten Tag wieder auferstanden ist? Keine Ahnung. Aber jemandem zu folgen dessen wichtigstes Gebot ist „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ kann so falsch nicht sein. Deswegen mache ich das jetzt einfach.

Eine Frage die uns die Schwester immer wieder stellte war: „Was ist der nächste Schritt in eurem Leben Christus zu folgen?“ Auch wenn sie für manche vielleicht übertrieben klingen mag so hat sie mich zum nachdenken gebracht. Ich habe dadurch mir Jesus als Beispiel zu nehmen bemerkt, dass ich nicht zufrieden bin was meine Wirkung auf die Welt angeht. Ich weiß, dass ich nicht die ganze Welt verändern kann (nicht heute zumindest). Aber ich möchte doch zumindest meinen Teil dazu beitragen. Also habe ich mich ganz ehrlich gefragt was ich wirklich von heute an tun kann.

Das Ergebnis war eine kleine Liste mit fünf Punkten:

  1. Ich will glücklich sein. Ja, ich weiß, das ist nichts was ich für die Welt tue, aber wenn ich nicht glücklich bin kann ich auch kein Glück geben.
  2. Ich will ein Zehntel meines Reisegeldes spenden. Ich bin zwar wirklich nicht reich. Aber es gibt so viele, die weniger haben. Mit denen möchte ich meinen Wohlstand teilen.
  3. Ich will so fair und vegan leben wir möglich. Das ist ins Besondere auf Reisen oft schwer, aber ich weiß, dass es der richtige Weg ist und wenn ich meinen Kaffee nur schwarz trinke und den Käse weglasse, ist das schon ein Anfang.
  4. Ich will allen Regungen Gutes zu tun nachgeben. Oft bin ich unsicher, ob meine Hilfe wirklich benötigt wird oder zögere zu lange um zu helfen. Damit ist jetzt Schluss!
  5. Außerdem möchte ich mich natürlich in rechter Rede üben, nicht stehlen, nett zu allen Wesen sein und versuchen nicht so viel an mich zu denken, sondern mehr an andere.

Natürlich ist das nicht viel. Aber…

„Wenn viele kleine Menschen, viele kleine Schritte tun, können sie das Bild der Welt verändern.“

Wir können es ja zumindest versuchen!!!

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Und was sind deine nächsten Schritte?

Ein Gedanke zu “Stille

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