Liebesbrief an Frankreich

oder wie man in zwei Tagen zehn Kilo zunimmt

Ich schreibe euch aus Brüssel. Wo ich nach einem fast zwölfstündigem Trip angekommen bin. Über diesen will ich gar nicht viel erzählen, weil ich gelernt habe, dass man lieber den Mund hält wenn es nichts gutes zu sagen gibt. Allerdings habe ich zwischen Verspätungen, Ticketproblemen, unfreundlichen Mitarbeitern und Knoblauchgeruch gemerkt, dass es vielleicht doch schönere Sachen gibt als mit dem Bus quer durch Frankreich zu fahren. Zum Beispiel meine letzten Tage in diesem wirklich wunderschönen Land. Die atemberaubende Landschaft, das fantastische Essen und die überwältigende Gastfreundschaft der Menschen begeistert mich immer wieder aufs Neue

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Die Schönheit Frankreichs…

Ich verließ am Samstag Taizé trampend. Es regnete ein bisschen und war ziemlich windig, was meiner guten Laune allerdings kein Abbruch tat. Mit dem Daumen nach oben an der Straße zu stehen erfüllt mich einfach jedes mal aufs neue mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Freiheit und Abenteuer. In Frankreich ist es auch tatsächlich ein kleines bisschen mehr Abenteuer, da ich leider immer noch kein Französisch spreche und die Franzosen dazu tendieren kein Englisch zu können. Normalerweise stellt das aber kein zu großes Problem dar. Die Menschen sind einfach so nett und das lässt einen alle Sprachbarrieren überwinden. Kurz vor Lyon telefonierten meine Freunde sogar mehrmals mit meinem Fahrer um einen guten Ort auszumachen, wo er mich absetzten konnte, während ich eher verwirrt auf der Rückbank saß. Meine Zeit in Lyon verbrachte ich bei Bernhard und Barbara, Freunde die ich schon vor Jahren in Taizé kennengelernt habe. Wir spielten Brettspiele, es gab viel chinesisches Essen und mir wurde die Stadt gezeigt, die mit ihren mittelalterlichen Gassen, gotischen Kirchen und den zwei Flüssen wirklich sehr schön ist. Aber nachdem mir meine Freunde für zwei Nächte ihr Ehebett überlassen hatten. (Sie bestanden darauf) nahm ich ein Bus nach Tours. Eine Stunde südlich von dort wohnt Ghislaine. Eine wundervolle 65 jährige Frau mit der mich eine besondere Freundschaft verbindet. Sie spricht nämlich so wenig Englisch wie ich Französisch. Wir haben uns auf dem Jakobsweg getroffen und sie wurde zum ersten Mitglied meiner „Camino- Family“ als sie mir nach 10 Minuten verständlich machte dass sie mich jetzt adoptiert hatte. Zumindest war es das was ich verstanden hatte.

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Ghislaine und ich

(Ich dachte auch lange Zeit, dass ihr Sohn Feuerspucker ist, da ich ihre Pantomime falsch gedeutet habe. Tatsächlich ist er Koch.) Obwohl sie und ich uns nicht über Sprache austauschen konnten lernte ich schon nach ein paar Stunden mit ihr etwas sehr wichtiges. Wir machten gemeinsam Pause an dem Sockel eines Kreuzes in einem kleinen französischen Dorf dessen Name ich nie wusste. Ich packte mein Essen aus. Ein bisschen Baguette, ein bisschen Käse. Nicht viel. Und mehr aus Pflichtbewusstsein als aus wahrer Freundlichkeit gab ich ihr davon ab. Ihr müsst wissen, dass ich sehr gierig werde wenn ich Hunger habe. Als wir allerdings mein spärliches Vesper verzehrt hatten öffnete sie ihren Rucksack und zog Kuchen, Früchte und Schokolade hervor. Sie teilte Alles so selbstverständlich mit mir, dass mir mein anfängliches Zögern schon unangenehm war. Für mich war das eine sehr wichtige Lektion, die ich mir auch heute immer wieder ins Gedächtnis rufe. Großzügigkeit lohnt sich. Immer. Du bekommst alles was du gibst tausendfach wieder zurück.

 

Ich bin ihr sehr dankbar dafür und auch für die letzten Tage in denen sie mich mit ihrer liebevollen Art umsorgt hat, sodass wir wie immer keine Sprdsc_0568ache brauchten. Sie und ihr Freund Pierre, zeigten mir tolle Orte in der Umgebung und sorgten dafür, dass mir nie langweilig war. Am beeindruckendsten fand ich aber wieder einmal die Esskultur Frankreichs. An einem Tag hatten wir ein „schnelles“ Mittagessen. Bestehend aus Salat als Vorspeise, Gemüselasagne als Hauptgang, danach acht verschiedene Käse zur Auswahl und als Nachtisch gab es warmen Schokokuchen mit Vanillesauce. In Deutschland ist ein schnelles Essen eine Tiefkühlpizza oder maximal Nudeln mit Tomatensauce. Wenn es an einem Ort möglich ist in zwei Tagen zehn Kilo zuzunehmen, dann in Frankreich, oder noch besser bei Ghisleine.

Jetzt aber bin ich bei Robert, einem weiteren wichtigen Wegbegleiter auf meinem Camino. Dieser hat heute Abend, als ich ihm erzählte, dass ich morgen nach Amsterdam trampen möchte spontan beschlossen mich mit dem Auto zu fahren.

Ich fühle mich wirklich gesegnet und bin überwältigt von all der Freundlichkeit.


Ein Gedanke zu “Liebesbrief an Frankreich

  1. Liebe Lea, es ist eine Freude für mich Deine Worte zu lesen, es kommen Gefühle auf die auch mich begleiten. Wir können die Welt nicht verändern und doch mit kleinen Schritten ein kleines bisschen schöner machen.
    Du hast völlig recht, nur wenn man selbst glücklich ist, kann man auch anderen Glück verschenken.
    Bleibe auf Deinem Weg und versuche wo es Not tut, anderen Menschen in aller Bescheidenheit zu helfen.
    In Gedanken bei Dir,
    Deine Oma Ebni

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