An was glaubst du?

Interview mit einer buddhistischen Nonne

*Ayya Sucinta*, lebt seit 1991 in Klöstern in England, den USA, Australien und Deutschland. Seit 1998 ist sie Bhikkhuni ( voll ordinierte Nonne) in der Theravada Tradition. Seit 2010 leitet sie Anenja Vihara, ein kleines Kloster im Allgäu, in das ich immer wieder gerne zurück kehre.

Lea: An was glaubst du?

ayyasucinta

Ayya Sucinta: Es gibt eine ganze Menge an das ich glaube. Ich glaube, dass es möglich ist zu erwachen. Und ich glaube natürlich auch, man kann diesen Glauben auch Vertrauen nennen, dass der Buddha diesen Weg gefunden hat. Aber für mich ist es schon auch wichtig, dass es nicht nur beim Glauben bleibt. Ich denke, dass Wissen dem Glauben überlegen ist. Ich möchte, dass ich das an was ich glaube auch irgendwann weiß. Glaube ist für mich eher so eine Hypothese, in die ich schon auch ein gewisses Vertrauen habe, aber mein Bestreben ist das wirklich in Wissen umzuwandeln. Ich glaube außerdem, dass es möglich ist aus dem Leid raus zu kommen, bzw. das unser Dukkha (Pali für „Leid“) weniger wird. Wobei, ein Stück weit habe ich das auch schon in meinem Leben erfahren und so fängt es an mehr zu werden als nur Glaube. Ich glaube außerdem, dass dieses Leben nicht das einzige ist. Es erscheint mir sehr wahrscheinlich, dass ich früher gelebt habe und auch, dass es weitere Leben geben wird, wenn ich es nicht schaffe die Bedingungen dafür zu setzten, dass ich nicht wiedergeboren werde. Ich glaube wirklich, dass wir Menschen und auch andere Wesen in so einem Hamsterrad stecken und dass wir schon auch etwas tun müssen um da heraus zu kommen, dass das nicht von alleine geht.

Lea: Warum glaubst du das? Wie kamst du dazu?

Ayya Sucinta: Also, ich bin katholisch getauft und erzogen worden, aber irgendwann konnte ich nicht mehr an den Gott glauben, so wie er mir vermittelt wurde und ich fand es auch so naiv zu glauben „Gott richtet das schon, er macht das schon“. Es entsprach überhaupt nicht dem was ich so erlebt habe. Für mich erwies sich einiges was Gott angeblich gesagt hat eher als hinderlich für mein Leben. Dann habe ich entsprechende Leute kennengelernt, die den Glauben an Gott haben fallen lassen. Eine Zeit lang hab ich geglaubt, dass ich gar keinen Glauben brauche. Ich habe in Psychotherapie und politische Lösungen vertraut, daran habe ich mich darin bis zu einem gewissen Grad auch selbst beteiligt. Dann kam ich wieder in so eine Krise und es haben sich Dinge innerlich anders für mich entwickelt. Zum Beispiel habe ich gemerkt, wie wichtig loslassen ist.Verschiedene Dinge sind da geschehen die alle in eine Richtung gelaufen sind. Als ich dann gehört habe was der Buddha gelehrt hat, habe ich gemerkt, aha, der Buddha hat von loslassen gesprochen. Der Buddha hat gesagt, dass im Grunde genommen alle Menschen Dukkha haben, dass es einfach zum Leben gehört. Ich dachte bis dahin, dass mein Leid etwas ganz Individuelles sei, dass mit mir persönlich etwas nicht stimme. Solche Dinge sind dann zusammen gekommen. Manches hatte schon angefangen sich bei mir innerlich einen Weg zu bahnen, aber ich konnte das nicht benennen und dafür habe ich in der Buddhalehre auf einmal irgendwie einen Ausdruck gefunden. Für mich war das am Anfang eigentlich überhaupt gar kein Glaube. Aber dann habe ich gelernt auch in der Buddhalehre braucht man Vertrauen.

Lea: Hattest du je Zweifel? An der Lehre oder an deinem Weg als buddhistische Nonne?

Ayya Sucinta: Merkwürdigerweise habe ich eigentlich relativ wenig Zweifel gehabt. Also jedenfalls nicht so, dass sie mich aus der Bahn geworfen hätten. Fragen hatte ich natürlich schon, aber es ist für mich einfach eine große Überzeugungskraft, die da wirkt. Vor allen Dingen weil dieser Weg mir zum einen selbst viel Verantwortung gibt und zum anderen auch, weil die Lehre offen liegt. Ich kann sie überprüfen. Ich muss nicht irgendetwas blind schlucken. Es macht für mich Sinn, das ist ganz wichtig. Die Beispiele die der Buddha gibt oder die Gleichnisse, die er erzählt, machen die Lehre sehr plausibel. Zum Beispiel wenn ich die Aspekte der „rechten Rede“(eine Verhaltensregel im Buddhismus) anschaue. Ich erlebe, dass ich einfach harmonischer lebe wenn ich es schaffe, mich daran zu halten als wenn es mir doch mal passiert, dass ich hinter jemandes Rücken etwas Negatives über jemanden sage. Ich kann das meiste meines Glaubens, schon direkt erfahren. Das gefällt mir so an der Buddhalehre. Natürlich hatte ich aber Selbstzweifel, die tauchen ab und zu schon mal auf. Dass ich mir denke: „Das ist so ein langer Weg, ob ich das schaffe?“ Aber dann sage ich mir immer wieder, dass ich mir Zeit nehmen oder Zeit lassen muss. Das ist eine Frage der Geduld. Die richtige Frage ist also: „Habe ich die Geduld dazu?“ Ich sehe dann einfach zu, dass ich genügend Geduld und Ausdauer entwickle um diesen Weg bis zum Ende zu gehen.

Lea: Inwiefern unterscheidet sich der Buddhismus von anderen Religionen?

Ayya Sucinta: Da gibt es sicherlich größere Unterschiede. Manche Menschen würden es schon in Frage stellen ob der Buddhismus eine Religion ist. Aber für mich ist das nicht wirklich eine Frage. Ich kann die Buddhalehre durchaus dazu zählen. Es passt nur nicht, wenn Religion über Gott definiert wird. Aber wenn man Religionen offener definiert, als etwas das die existentiellen Fragen oder die Fragen der Tranzendenz beantwortet, dann passt es eben schon. Die Buddhalehre unterscheidet sich sehr stark darin, dass es in ihr keinen Schöpfergott gibt. Es gibt zwar Götter, aber nicht vergleichbar mit denen der monotheistischen Religionen. Nach dem Buddha liegt es an uns, dass wir in dieser Welt leben und in gewisser Weise schaffen wir unsere Welt auch selbst. Ein ganz gravierender Unterschied ist auch, dass der Mensch mehr Verantwortung hat. Es liegt nicht in Gottes Hand ob wir erlöst werden, sondern wir müssen selber daran arbeiten. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass es nach buddhistischer Auffassung keine Seele gibt, weil alles durch und durch bedingt ist.

Lea: Was macht es für dich aus Buddhistin zu sein?

Ayya Sucinta: Diese Frage kann ich gar nicht so leicht beantworten. Weil es für mich kein einzelner Aspekt ist, den ich da herauslösen könnte. Für mich ist der Weg eine Einheit. Das Wichtigste sind die vier edlen Wahrheiten*, in deren Mittelpunkt das Leid und seine Überwindung stehen. Das ist auch das ganz Zentrale in meinem Leben. Die Frage nach dem Leid war schon seit dem Alter von 12 Jahren – wenn nicht noch früher – ein wichtiges Thema für mich. Natürlich ist dies auch mit Metta (liebender Güte/Nächstenliebe) und mit Gewaltlosigkeit verbunden, aber das ist für mich alles ein Ganzes.

Lea: Wo sind die Gemeinsamkeiten zu anderen Religionen? Gibt es da irgendwelche Schnittmengen?

Ayya Sucinta: Oh ja, ganz bestimmt. Ich bin inzwischen meinen Eltern recht dankbar, dass ich katholisch erzogen wurde und dass ich dadurch die zehn Gebote und Werte wie Nächstenliebe, Dankbarkeit und Geduld gelernt habe. Dazu gehört auch das Mitgefühl, das in der Buddhalehre eine sehr große Rolle spielt. Aber auch, dass sich Menschen überhaupt fragen, zum Beispiel was nach dem Tod ist und um andere Dinge kümmern als um das materielle Leben, wie reich werden und Karriere machen. In dieser Zeit ist es schon viel, wenn sich Menschen fragen und Gedanken über Ethik machen. Natürlich geht es auch um Fragen wie: „Wie kann Friede oder relative Harmonie in dieser Welt herrschen?“. Da sehe ich eine Basis wo Religionen zusammen kommen können und wo es gut ist, zusammen zu kommen. Ich war im Juni in Augsburg bei einem interreligiösen Dialog und das fand ich sehr interessant. Dort habe auch zum ersten Mal mehr Berührung mit muslimischen Gruppen bekommen, weil man hier im Allgäu davon eher weniger mitbekommt. Die Menschen die ich dort traf waren natürlich sehr aufgeschlossen und man konnte gut mit ihnen reden. Es ist ganz wichtig, sich zu begegnen und soweit ich Zeit habe, bin ich auch dazu bereit. Gerade heute Morgen habe ich eine Mail von einer Schwester vom christlichen Orden „Maria Ward“ bekommen, die ich dort in Augsburg kennen gelernt habe. Ich fand es schön, dass sie geantwortet hat. Ich sehe auch auf der Ebene der Ordinierten oder Priester Gemeinsamkeiten, der Menschen, die sich intensiver mit Religion befassen bzw. ihr Leben widmen, nämlich dass wir in den westlichen Gesellschaften keinen leichten Stand haben und uns daher unterstützen sollten.

Lea: Was sagt der Buddhismus zum Zusammenleben mit anderen Menschen und vor allem mit Menschen anderer Religionen?

Ayya Sucinta: Also, die Buddhalehre ist im Allgemeinen bekannt als eine friedliche Lehre. Der Buddha hat gesagt man soll niemandem schaden. Er hat auch Toleranz gelehrt.Grundsätzlich ist es ganz wichtig, dass wir friedlich miteinander leben.Natürlich müssen wir auch akzeptieren, dass es andere Religionen gibt und uns mit ihnen austauschen oder treffen. Zum Beispiel hier, wir leben in einer christlichen Umgebung, da kommen am 6. Januar die Sternsinger und unsere Nachbarn sind katholische Leute. Es ist ganz wichtig für uns dass wir mit denen gute Beziehungen haben, freundschaftlich, nachbarschaftlich. Aber auch mit meiner eigenen Familie, dass ich nicht versuche sie jetzt irgendwie zu bekehren. Es ist ein ganz wichtiges Prinzip, an das der Buddha sich immer gehalten hat, das er dann gelehrt hat, wenn er darum gebeten wurde, wenn Interesse bestand. Er hat seine Lehre nie jemandem aufgezwungen. Deswegen klopfen wir auch nicht an den Türen der Nachbarn und erzählen ihnen etwas von der Buddhalehre. Wir beantworten Fragen, wenn wir merken dass jemand interessiert ist, sonst nicht. Und wir können ruhig auch mal zuhören was andere sagen.


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