An was glaubst du?

Gastbeitrag von Muriel Silberstreif

portraitHallo liebe Lealeserinnen und -leser. Ich bin Muriel Silberstreif (Wer wissen will, wer hinter dem Pseudonym steht, bitte hier entlang.), ich führe seit geraumer Zeit ein Blog unter dem Titel überschaubare Relevanz, das sich zu erheblichen Teilen gar nicht so sehr damit befasst, zu erläutern, woran ich glaube, und mehr damit, zu kritisieren, was andere glaube. Oder zumindest, was sie sagen. Weiß man ja nie so genau, wie das zusammenhängt. Aber natürlich habe ich auch Überzeugungen und ein Bild von der Welt, das braucht ja jeder, und Lea hat mich gebeten, in meinem Beitrag den Schwerpunkt auf die Aspekte zu legen, in denen mein Glaube sich mit dem von anderen überschneidet, und ich denke, das dürfte zu schaffen sein, denn zu großen Teilen glauben wir ja wirklich alle an dieselben Dinge. Alle? Naja. Vielleicht fast alle.universum

Ich glaube an die Welt, in der wir leben. Ich glaube an die anderen Leute, mit denen ich sie teile. Und ich glaube, dass wir alle gemeinsam versuchen sollten, das Beste daraus zu machen. Und das ist natürlich der Teil, an dem es schwierig wird, denn was das ist, und wie wir das machen, da gehen die Überzeugungen oft schon sehr auseinander. Viele Menschen meinen, ein Gott, ein Heiliges Buch, ein Prophet oder die Sterne hätten die Antwort darauf.

Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass wir es selbst herausfinden müssen, indem wir Dinge lernen, und dass das am besten geht, indem wir uns eine vernünftige Epistemologie zulegen. Hö? Was ist das denn? Ja, das ist leider ein gar nicht so gebräuchlicher Begriff. Ich kenne ihn auch nicht lange. Aber seit ich ihn hab, will ich ihn nicht wieder hergeben.

Epistemologie ist sozusagen meine Erkenntnistheorie, also meine Technik, um Dinge über die Welt um uns herum zu lernen, um möglichst viele wahre Dinge zu glauben, und möglichst wenig falsche. Zumindest glaube ich, dass das unser Ziel sein sollte, und dass wir versuchen sollten, möglichst vernünftig, strukturiert und systematisch daran heran zu gehen.

Weil ich glaube, dass wir sinnvolle Entscheidungen nur aufgrund einer möglichst akkuraten Einschätzung der Realität treffen können. Das ist in meinen Augen unsere Verantwortung, unsere Pflicht gegenüber allen anderen, mit denen wir diese Welt teilen, so wie es unsere Verantwortung gegenüber anderen Verkehrsteilnehmerinnen ist, aufmerksam und nüchtern und so weiter zu sein, wenn wir ein Fvennahrzeug bedienen. So wie jemand, der betrunken in sein Auto steigt, mit etwas Glück auch unbeschadet zu Hause ankommen kann, mag auch jemand mit einer untauglichen Epistemologie mal zu richtigen Schlüssen gelangen. Aber wie der betrunkene Fahrer riskiere ich mit einer irrationalen Sicht auf die Welt auch, anderen zu schaden, und mir selbst.

Und ich glaube, dass dazu gehört, möglichst unvoreingenommen an die Welt heranzugehen und Dinge erst dann zu glauben, wenn wir wirklich vernünftige Gründe dafür haben, und sie immer wieder infrage zu stellen, auch wenn sie uns wichtig sind. Gerade, wenn sie uns wichtig sind.

Ich glaube, wenn man diese Techniken konsequent anwendet, dann werden ein paar Dinge schnell offensichtlich: Dieses Leben ist ein Projekt, das dann am besten funktioniert, wenn wir kooperativ gemeinsam daran arbeiten, und das wiederum funktioniert nur dann richtig, wenn wir fair miteinander umgehen. Deswegen haben wir uns inzwischen auch zu großen Teilen darauf geeinigt, dass wir alle prinzipiell den gleichen Status haben sollten, die gleichen Rechte und Pflichten, und dass wir niemanden aufgrund von unsachlichen Kriterien wie der Herkunft, der Hautfarbe, des Geschlechts und so weiter anders behandeln sollten. Wir alle sind aufeinander angewiesen, sowohl materiell in den modernen arbeitsteiligen Gesellschaften, die uns einen Wohlstand ermöglicht haben, der aus geeigneter Perspektive paradiesisch wirken mag, als auch emotional, weil wahrscheinlich (fast?) jeder Mensch die Unterstützung, den Beistand und die Zuwendung anderer braucht, um glücklich zu sein, und – da sind wir wieder bei dem Thema – epistemologisch, denn wir lernen vieles dadurch, dass wir unsere Erfahrungen und unsere Wahrnehmung miteinander abgleichen, dass wir uns gegenseitig herausfordern und einander so helfen, unsere zahlreichen Irrtümer zu erkennen und ein bisschen näher daran zu kommen die Welt und unsere Mitmenschen so zu sehen, wie sie tatsächlich sind.

Das ist vom Prinzip her einfach, aber in der Ausführung sehr schwierig, und je mehr man in die Details kommt, desto komplizierter wird es. Aber das gehört zum Leben, denn die Welt ist nun mal in vielen Aspekten nicht einfach.

Und ich glaube, dass diejenigen, die uns einfache Antworten verkaufen wollen, sei es aus Heiligen Büchern, aus Tradition oder aus der gruseligen Mottenkiste der nationalistischen und rassistischen Ressentiments, die zurzeit so viele gerne wieder auspacken und uns vor die Füße kippen wollen, eine doppelte Gefahr sind. Denn sie lehren uns nicht nur die falschen einfachen Antworten; sie lehren uns auch den falschen einfachen Weg zu diesen Antworten. Sie versuchen uns einzureden, dass es reicht, die Wahrheit irgendwie zu erfühlen. Sie versuchen uns einzureden, dass es Sicherheit und Unfehlbarkeit gibt, und dass sie sie für uns bereit halten, wenn wir nur bereit sind, als Opfergabe unsere moralische und intellektuelle Integrität auf ihren Altaren zu verbrennen.

Diese Leute machen das nicht, weil sie böse sind. Ich fürchte, dass wir alle manchmal diese Leute sind. Ich glaube nicht, dass es irgendwo böse Menschen gibt. Nur Menschen, die ihr Bestes versuchen.

Und ich glaube, dass es unsere Aufgabe ist, ihnen dabei zu helfen, und uns dabei helfen zu lassen, damit wir gemeinsam das Beste aus dieser einen Welt machen können, die wir haben, für dieses eine Leben, das wir haben.

Und was glaubt ihr so?


3 Gedanken zu “An was glaubst du?

  1. Ähm Sorry, dass ich erst nicht hier kommentiert habe. Muriel, Du sagst, über Deine Prinzipien herrsche keine allgemeine Einigkeit. Das stimmt natürlich. Ich würde halt sagen, eine sehr weitgehende Einigkeit herrscht da schon. Uneinigkeit herrscht eher über die Bedeutung der Begriffe wie „vernünftig“. Hätte statt dem langen Text nicht gereicht, zu schreiben, „ich bin nicht religiös“?

    Gefällt mir

    1. Ja… Also, du hast tendenziell sicher recht.
      Eine mögliche Antwort wäre: Die Frage lautete nicht, ob ich religiös bin, oder was mich von den anderen Leuten hier unterscheidet, oder so, sondern die Frage war, was ich glaube.
      Dass viele (bei Weitem nicht alle Leute. Zweimal wurde ich anderswo wegen dieses Textes schon recht hart angegiftet.) mir zustimmen können, ist dabei durchaus beabsichtigt. Von hier aus müssen wir uns dann eben überlegen, wie wir’s in der Praxis machen.
      Danke jedenfalls für das Feedback, ich freu mich sehr und teile deine Einschätzung weitgehend.

      Gefällt 1 Person

  2. Mich würde übrigens noch interessieren, ob du Vorschläge hast, es besser zu machen. Das ist in meinen Augen keine Voraussetzung, um Kritik üben zu dürfen, aber es würde mich trotzdem freuen, wenn du Ideen hättest, die mir helfen, meine Grundüberzeugungen (?) in Zukunft besser darzustellen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s