Tatopani, Demut lernen in Nepal

Nepal hat mir mein Herz gestohlen – voll und ganz. Als ich am Flughafen ankam, fragte ich nach einem Visa für zwei Monate. Nach kurzer Zeit war mir aber schon klar, dass ich dieses wunderschöne Land nicht so schnell verlassen würde. Ein Besuch bei den Behörden später war mein Visa auf fünf Monate verlängert. Jetzt ist die Hälfte dieser Zeit vorbei und immer noch verzaubern mich die Menschen und die Natur hier. Das Leben in Nepal könnte nicht schöner sein. Leider sieht es allerdings momentan immer noch nicht so aus als würde ich dieses Land in den nächsten Wochen zu Fuß erkunden können. Die Schmerzen in meinen Knien sind zwar seit meiner Abreise besser geworden, aber der Belastung einer wochenlangen Wanderung würden sie wohl nicht standhalten.

 

HimalayasNepal
Wunderschöne Berglandschaft bei Tatopani

 

Aus diesem Grund beschloss ich mit dem Bus in den Norden des Landes zu fahren. Die Vorstellung Nepal zu verlassen, ohne die Himalayas gesehen zu haben, schien mir unerträglich. In Europa sind wir so daran gewöhnt, dass jeder Ort mit dem Bus erreichbar ist. Hier in Nepal sind die Straßenverhältnisse jedoch ganz andere. In viele Gegenden des Landes kommt man immer noch nur zu Fuß oder mit dem Flugzeug. Die Entscheidung nach Tatopani zu fahren, war also mehr aus dem Mangel an Alternativen geboren. Der „Araniko highway“, der diesen Namen nicht wirklich verdient, ist eine der wenigen Straßen, die bis zur chinesischen Grenze führen. Wie immer war die Busfahrt auf den engen, oft unbefestigten Schotterpisten ein Erlebnis für sich. Mein Herz blieb währenddessen nicht nur einmal stehen. Der Fahrer unterhielt sich die meiste Zeit über die Schulter mit seinen Freunden, während er das klapprige Gefährt an Steilhängen vorbei lenkte. Obwohl ich den Bus schon fast in dem Fluss liegen sah, an dem wir entlang fuhren, kam ich sicher in Tatopani an.

 

Bhotekoshi
Bhotekoshi – auf der rechten Seite seht ihr die Straße nach Tatopani

 

Das Dorf, das an dem Bhotekoshi Fluss liegt, muss noch vor einigen Jahren eine kleine Metropole an der Grenze gewesen sein. Leider gleicht es mittlerweile eher einer Geisterstadt. Nicht nur wurde Tatopani, wie der Rest Nepals, bei dem Erdbeben 2015 zu großen Teilen vernichtet. Ein Jahr später trat der Fluss über die Ufer und die Flut zerstörte was von dem Dorf noch übrig war. Viele Anwohner flohen daraufhin zu Verwandten oder zogen in andere Teile Nepals. Durch die verlassenen Straßen an der chinesischen Grenze zu laufen, hat mich nicht nur einmal schlucken lassen. Ich sah Häuser, deren Dächer und Wände zusammengebrochen sind. Schutthaufen liegen überall. Viele Autos, wurden in den Fluss gespült oder stehen kaputt am Straßenrand. Die Macht mit der die Naturgewalten hier getobt haben müssen, trieben mir Tränen in die Augen. Ich bin so wunderbar wohlbehütet aufgewachsen. Ich musste nie um mein Leben fürchten. Ich habe nie mein zu Hause verloren. Keiner meiner Angehörigen ist je bei einer Naturkatastrophe gestorben. Hier haben so viele Familien nicht nur ihr Haus und all ihren Besitz verloren, sondern auch geliebte Menschen. Wenn mich Tatopani eines gelehrt hat, dann Demut. Demut vor Mutter Erde, die uns alles nehmen kann, wenn sie nur möchte. Die Sinnlosigkeit der Gier, die so viele Menschen antreibt, wurde mir wiedereinmal vor Augen geführt. All die materiellen Güter, die wir anhäufen sind schlussendlich vergänglich und können uns genommen werden. Ich bin sehr froh, dass ich diese Lektion noch einmal lernen durfte. Obwohl ich nur mit dem lebe, was in meinen 35 Liter Rucksack passt, will ich doch so oft mehr haben und bin immer wieder verärgert, wenn ich Dinge verliere.

 

ZerstörungTatopani
Das Erdbeben und die Flut haben Tatopani fast vollständig zerstört

 

Aber nicht nur der Anblick der zerstörten Straßen hat mich Genügsamkeit und Demut gelernt, sondern auch die wundervollen, oft bettelarmen, Menschen. Bei einer Wanderung in den umliegenden Bergen wurde ich von Bauern auf einen Tee eingeladen. Auch wenn meine Kenntnisse in Nepali nicht ausreichen um eine Unterhaltung zu führen, war die Freundlichkeit dieser Familie überwältigend. So saß ich mit dem Blick auf die Himalayas, umgeben von spielenden Kindern auf dem Hof und hätte nicht glücklicher sein können. Das war bei weitem nicht die einzige Gelegenheit bei der ich die Gastfreundschaft der Einheimischen erfahren durfte. Eines Abends fand ich mich in einem lokalen „Teashop“ wieder. Ein Glas Roxi, selbstgemachten Reiswein, in der Hand hörte ich einem zahnlosen Mann zu, der nepalesische Liebeslieder auf einer fünfseitigen Gitarre spielte. Die meisten Nepalesen scheinen von einer ruhigen Freundlichkeit und Freude erfüllt zu sein, die man im Westen nur sehr selten findet. Obwohl wir in Europa alles haben, wovon die Menschen hier nur träumen könnten, sind sie uns in so vielem überlegen.

 

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Blick auf die Himalayas

 

So würde ich jedem Reisenden raten, diesen Schritt zu wagen und die weniger besuchten Ecken Nepals zu erkunden. Die Erlebnisse und Begegnungen, die ich in Tatopani haben durfte, haben mich so mit Freude und Demut erfüllt, dass ich bei der Fahrt zurück nach Kathmandu keine Angst mehr hatte. Ich war in den Himalayas gewesen, damit hatte ich mir einen so großen Traum erfüllt, dass ich mit einem Lächeln im Gesicht sterben würde.

zerstörtesAutoHausTatopani


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