10 Tage im Yoga Ashram in Indien

Wie ich schon in meinem letzten Artikel erzählt habe, kam ich nach Rishikesh um mehr über Yoga zu lernen. Ich wanderte auf der Suche nach einem Ashram stundenlang mit meinem schweren Rucksack durch den Regen und hatte keinen Erfolg. Den Ort an dem ich die letzten 10 Tage verbracht habe fand ich schlussendlich über Google. Auch wenn man die Algorithmen einer Suchmaschine nicht gerade als Schicksal bezeichnen kann, bin ich jeden Tag dankbar auf diesen Ashram gestoßen zu sein…

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Yoga Niketan liegt auf einem kleinen Hügel und überschaut das Gewimmel der Menschen an den Ufern des mächtigen Ganges. Knapp 20 Gebäude verteilen sich auf das Gelände mit wunderschönen und gepflegten Gärten, in denen man oft genug Affen beobachten kann. Schon vom ersten Moment an konnte ich dir Ruhe spüren, die dieser Platz ausstrahlt. Und nach ein paar Stunden wusste ich, dass ich hier das gefunden habe was ich suchte: Eine strenge tägliche Routine aus Yoga, Meditation und Philosophieunterricht, ein einfaches Zimmer und gesundes Essen….

Mein Tag im Ashram

4:30 Uhr: Mein Wecker klingelt. Widerwillig stehe ich auf und mache ein paar Dehnübungen um wach zu werden.

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5:15 Uhr: Eine Stunde Meditation. An manchen Tagen kann ich mich die meiste Zeit konzentrieren und den Anleitungen unseres Lehrers folgen, an andern wiederum kämpfe ich jede Minute mit dem Schlaf und hoffe einfach nur, dass es bald vorbei ist. Wiedereinmal lerne ich wie wandelbar unser Gemüt doch ist.

6:30 Uhr: Die erste Klasse Ansanas (Körperübungen) des Tages. Nicht alle Stellungen sind einfach, aber ich merke wie mein Körper Tag für Tag stärker und flexibler wird. So habe ich gestern meinen ersten Kopfstand gemeistert. Danach machen wir ein paar Pranayamas (Atemübungen). Ein wichtiger Teil von Yoga, der nachweislich das Energielevel erhöht und die Konzentrationsfähigkeit steigert.

8:15 Uhr: Nachdem ich schon seit 4 Stunden wach bin, freue ich mich auf das schlichte Frühstück. Nach ein paar Tagen fehlt mir nicht einmal mehr Kaffee und ich trinke fröhlich meinen Tee.

9:00 Uhr: Die Morgenpraxis ist vorbei und ich habe ein bisschen Zeit für mich um zu meditieren, zu lesen oder ein Nickerchen zu machen. Selten verlasse ich den Ashram, zu sehr genieße ich es alleine zu sein.

12:00 Uhr: Zum Mittagessen gibt es Thali: Linsensuppe, Gemüsecurry, Reis, Chapatis, und ein bisschen rohes Gemüse.20170719_195108 Ich es mir angewöhnt vor jeder Mahlzeit einen Moment inne zu halten um mir ins Gedächtnis zu rufen, wie gesegnet ich bin, dass ich noch nie in meinem Leben Hunger leiden musste. Das soll mir helfen, die Fülle, in der ich leben darf, nicht als zu selbstverständlich anzunehmen.

13:00 Uhr: Die Bücherei des Ashrams hat offen und für zwei Stunden ist das (schrecklich langsame) Wlan verfügbar. Meistens ziehe ich es jedoch vor mein Handy ausgeschaltet zu lassen und mich einem der Bücher zu widmen.

15:15 Uhr: Wir haben Philosophieunterricht. Hier habe ich in den letzten Tagen so unglaublich viel gelernt. Ich weiß jetzt das Yoga viel mehr ist als ein Sport, aber vor allem das 10 Tage viel zu kurz sind um auch nur einen groben Überblick zu bekommen.

16:00 Uhr: Es gibt Tee und Kekse. Eine wundervolle Gelegenheit mich mit den anderen Reisenden hier auszutauschen. Jeder im Ashram ist wohl auf seiner eigenen Suche. Es bedeutet mir sehr viel an einem Ort zu sein an dem ich nicht schräg angeschaut werde, wenn ich erkläre, dass ich reise um Gott zu finden.

16:30 Uhr Die zweite Asanaklasse des Tages ist normalerweise ein bisschen weniger anstrengend. Trotzdem bin ich danach durchgeschwitzt. Unser Yogalehrer scheint ein wandelndes Lexikon zu sein und hat mir auch einige Tipps gegeben, wie ich die Schmerzen in meinen Knien in den Griff bekomme.

18:00 Uhr: Nochmal eine Stunde Meditation. Nach den Asanas und Pranayamas fällt es mir normalerweise nicht so schwer zu Ruhe zu kommen. Der Lehrer, der die Meditation leitet hat zudem eine schöne Stimme und singt uns oft Mantras. Danach sitze ich fast jeden Tag mit einem entspannten Lächeln auf einem der Bänke im Garten, blicke auf den Ganges und freue mich über die Stille in meinem Kopf.

19:45 Uhr: Nachdem anstrengenden Tag gehe ich hungrig zum Abendessen. Es gibt nochmal Currys, Reis und Chapati.

20:30 Uhr: Nach dem Essen gibt es entweder noch eine Meditationsklasse, in der wir dazu angeleitet werden uns auf die Flamme einer Kerze konzentrieren oder wir singen zusammen verschiedene Mantras, die mir danach noch ewig im Kopf bleiben.

21:30 Uhr: Ich gehe zurück in mein Zimmer und meditiere noch ein bisschen oder lese ein paar Seiten bevor ich mein Licht ausschalte. Jeden Tag bin ich dankbar dafür, hier im Ashram zu sein, wo ich mich ganz meiner Suche widmen kann.

 

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Mein Zimmer

 

Während meiner Zeit hier habe ich zum ersten mal begriffen was Yoga wirklich bedeutet. Im Westen gibt es mittlerweile in jeder Stadt, wenn nicht sogar in jeder Straße ein Yogastudio. Es gibt Fitness Yoga, Bauch Beine Po Yoga und sogar Bieryoga. Aber das hat nichts mehr mit der uralten indischen Praxis zu tun, die hier gelehrt wird. Yoga ist so viel mehr als die Asanas, die Körperübungen. Ich habe immer noch große Schwierigkeiten es komplett zu erfassen. Es gleicht eher einer Religion. Ich war überrascht, wie viel Yoga mit Glaube zu tun hat. Eine der wichtigsten Dinge, die uns ein Lehrer beigebracht hat ist: „Wenn du die Asanas ohne Gott praktizierst ist es ein Sport, keine spirituelle Praxis, kein Yoga.“

Viele Menschen verstehen nicht warum ich mich immer wieder an Orte wie diesen zurück ziehe. Orte mit strengen Regeln, viel Ruhe und einem strikten Tagesablauf.

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Beim Mantras singen

Es fällt mir schwer zu erklären. Durch meine Meditationspraxis habe ich wohl einfach gelernt, dass es der Rückzug von der Welt ist, der mich am meisten lehren kann. Ich habe gelernt, dass das Glück, das ich in einem einfachen Leben finde, jede andere Freude um ein tausendfaches übersteigt. Ich habe gelernt, dass es für mich kaum etwas wertvolleres gibt als ein Leben für und mit Gott, ein Leben in dem meine Praxis die wichtigste Rolle spielt.

 

Trotzdem ist es nach 10 Tagen jetzt an der Zeit für mich weiterzuziehen. Ich hoffe, dass ich es dieses mal schaffe auch in dieser verrückten Welt da draußen meine Yogapraxis aufrecht zu erhalten.


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